Es geht darum, der Kraft einer vielleicht plötzlich im Kopf auftauchenden räumlichen Vision zu folgen, alles andere stehen und liegen zu lassen und anzufangen zu arbeiten; sich dem beginnenden Arbeitsfluss hinzugeben, nicht zu (be)werten, später nachzusehen. Es geht darum, der Intuition Raum zu geben, vom Kalkül, der intellektuellen Kontrolle über Sinn und Zweck der neuen Idee Abstand zu nehmen, einen anderen Standpunkt einzunehmen. Wie ein Jäger im Niemandsland einer inneren Spur zu folgen, auf kleinste Signale eingehend, alles aus dem Umfeld dafür Nötige und Mögliche anziehend und benutzend.
Uwe Karlsen
Plastisches Arbeiten? Malerei? In der Geschichte der Kunst hat es immer wieder Doppelbegabungen gegeben, die sich nicht entscheiden mochten, auf eine dieser beiden grundsätzlichen Ausdrucksformen zu verzichten. Mit Degas als Anfangspunkt ist das Thema dabei vor allem im Rahmen der Moderne von besonderer Bedeutung gewesen. In erster Linie sind hier Maler zu nennen, die sich im räumlichen Gestalten Kenntnisse erwarben, welche für ihre malerische Arbeit von Bedeutung wurden. Man denkt hier vor allem an den genannten Degas, an die zwei alles überragenden Giganten Picasso und Matisse – und etwa an wichtige Figuren wie Joan Miró und Max Ernst. Alle fünf haben sie als Maler in der Plastik Grosses geleistet – zum Teil (Picasso!) nicht zuletzt deshalb, weil sie als Maler-Plastiker in ihrem zweiten Medium eine gewisse Narrenfreiheit vollständig ausschöpften und so neue Wege für die Plastik als Ganzes zu finden imstande waren. Demgegenüber fallen einem zum kaum gebräuchlichen Begriff Plastiker-Maler, also dem gebürtigen Bildhauer, der auch malt, in der Moderne nicht ohne weiteres vergleichbare Namen ein. Am ehesten wäre wohl Alberto Giacometti zu nennen, der in erster Linie wohl schon Bildhauer gewesen ist, zugleich aber auch als Maler Herausragendes geleistet hat. – Ja, bei ihm ist es so, dass gerade im Spätwerk die Malerei gleichberechtigt neben der Plastik steht. Heute scheint die Frage nach der Vereinbarkeit der beiden grossen Gattungen Malerei und Plastik demgegenüber weniger präsent. Viele andere Ausdrucksmöglichkeiten – etwa Installation und Video – stehen jungen Künstlern zur Verfügung. So gesehen wirkt Uwe Karlsens beharrliche Pflege beider Disziplinen – Plastik und Malerei – schon beinahe puristisch. Welche ist sein Hauptmetier? An sich würde man ihn spontan gerne zunächst als Plastiker sehen. Zugleich sind die Fragen, die sich ihm nur in der Malerei beantworten, so dringend, dass man sagen muss: Er braucht beides, er atmet in beidem. In seiner Malerei arbeitet Karlsen immer wieder mit Erinnerungen an gegenständlich Benennbares, die er ins Malerische transformiert. In gewisser Weise gilt dies auch für das plastische Werk dieses Künstlers, etwa wenn er von der Form eines aufgerichteten Vogels ausgeht, dessen physische Massen er in der Plastik neu strafft und gliedert. Auch andere gegenständliche Reminiszenzen sind in den Plastiken spürbar: So finden sich auch hier die für ihn so massgeblichen Formen der Berge, in denen unser Lebensraum himmelsnah gipfelt, aber auch etwa Fischformen können als Ausgangspunkt von Werken dienen.
Dennoch kann man sagen, dass sich Karlsens plastische Werke noch stärker als in seiner Malerei am Schicksal der reinen Form orientieren. Verweise an Gegenständliches ausserhalb der Werke selbst kommen zwar sehr wohl vor, haben aber zuweilen einen doch anderen Stellenwert. Wichtig dabei: Anders als es Malerei je sein kann, ist das plastische Werk – da entschieden dreidimensional – von Hause aus schon immer ein wirklich vorhandenes Objekt. Plastik ist immer „gegenständlich“ – so abstrakt sie sich auch gebärden mag. Man könnte bei Karlsen von Objekten sprechen, mittels derer der Künstler in erster Linie Erkundungen der Form in den Raum der dreidimensionalen Wirklichkeit stellt – und die erst in zweiter Linie Anspielungen an bereits Bestehendes enthalten.
Auf das Beispiel der Berge zurückkommend („Monte Rosa“), sieht man, wie ein tektonisches Monument der Natur zum Ausgangspunkt genommen wird, um aus der gegossenen Plastik mächtige Panoramen der Form, „Viertausender der Wahrnehmung“ aufzuschichten, deren Erstbesteigung für jeden Betrachter zur Herausforderung werden kann.
Was aber heisst Plastik, Skulptur? – Nicht zuletzt: Mehransichtigkeit. Des Plastikers Metier ist es, die Form so zu deuten und zu erfüllen, dass sie von vielen Seiten spannungsvolle Einblicke, neue Ausformungen von gezeigtem – und von ausgespartem Raum visualisiert.
Ausgespart? Allerspätestens seit Henri Matisse ist moderne Plastik stets auch die reine Arbeit an der Kunst der Aktivierung des Nichts, des zum Schwingen gebrachten Zwischenraums zwischen materiell präsenten Elementen: Hier begegnen Bronze und Co. der geistigen, immateriellen Form des Leerraums. Karlsen thematisiert – hier auf den Spuren Brancusis – die Mehransichtigkeit übrigens ganz explizit, indem er seine Plastiken zum Teil drehbar lagert. Man braucht um die Werke also nicht unbedingt herumzugehen, sondern kann deren diverse Paarungen mit dem Raum und der Leere durch Drehen des Objekts selbst spielerisch auslösen.
Während aber einige Werke jenes Duell mit dem Nichts (und dessen Erkundung!) filigran gestalten (Anfang und Ende II), spielt Karlsen in anderen Fällen mit schweren Volumina (III- 94), die sich als bergende Massen über den Leeraum wölben.
Wichtig der vom Künstler selbst zum Beschreiben seiner Arbeit gern verwendete Begriff der Schwingung: Nicht selten thematisieren die Werke – in ihrem präzisen Spiel mit Kugelförmigem, mit Durchbrechungen, organischer Abstraktion – Rhythmen im Raum erfahrbar, die an der Plastik wie Wellen, wie Zustände von Bewegung im Raum sichtbar zu werden vermögen.
Karlsens Plastiken können somit als Gebilde gelesen werden, die überall mögliche Manifestationen und Modulationen von verdichteten räumlichen (zum Teil schier „archiskulpturalen“) Strukturen sichtbar machen – welche ohne die Hand des Künstlers niemals von ihrer Tarnkappe befreit worden wären.
Es geht hier also gleichsam um eine verborgene, zu entdeckende Grammatik des Raums. Um Poesie reiner Organik, die der Künstler sieht und in perfekter Weise zur Form bringt – und damit materialisiert.
Zum Schluss: Während sich die Malerei bei Uwe Karlsen – entsprechend den ureigensten Möglichkeiten dieser Gattung –als Projektionsfläche von innerlich Geschautem artikuliert, besetzt seine Plastik im realen Raum den visionären Ort der Existenz.
Dr. Philippe Büttner (Fondation Beyeler)