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  Inneres, zu Form verdichtet – zur Malerei von Uwe Karlsen

Nicht das Abbild von Natur im Sinne griechisch-klassischen Natur-Verständnisses hat mich interessiert und fasziniert, sondern das Erschaffen und Darstellen des sozusagen “Übernatürlichen”, jenseits der allzu menschlich-irdischen Befindlichkeiten und Zwänge. Das zwar nicht sichtbare, aber dennoch auf uns alle wirkende “Es” wollte ich sichtbar machen.
Uwe Karlsen



Was ist der Gegenstand von Uwe Karlsens Kunst? Oder hat sie gar keinen „Gegenstand“ – ist seine Kunst gar nicht „gegenständlich“? Wie sollte sie es in einem landläufigen, herkömmlichen Sinn sein, könnte man fragen. Ist es doch eine Kunst, die letztlich einer Entmaterialisation entspringt. Denn der ausgebildete Industriedesigner Karlsen, er stand auf einmal am Berg, an der Wand. Konnte nicht mehr weiter. Konnte sich nicht mehr der ästhetischen Perfektionierung des industriell legtimierten Gegenstandes widmen. Dem „Design“, das es – bei aller Grossartigkeit seiner Aufgabe und seiner Leistungen – doch nicht als seine Aufgabe betrachten kann, aus dem Verkaufbaren in das im Moment der Fertigstellung eben bereits wesenhaft „Erworbene“, aus dem Zweckmässigen in den unbezahlbaren Aufwand des Geistigen hinüberzuwachsen.

Berufung also. Ein „Weg nach Damaskus“ für den Industriedesigner also, das war der entscheidende Moment. Und wenn er nicht religiös war wie im Falle von Paulus, der in Syrien, von Gott mit Blindheit geschlagen, den Saulus in sich hinter sich liess und so ungefragt in ein visionäres Leben mit sicherem Ausgang gerissen wurde, so ist es auch bei Karlsen zumindest ein Weg weg von der Schwere des Materiellen gewesen. Dies im Übrigen ein allgemeiner Zug von Karlsens Werk, der sich nicht nur in der Malerei zeigt, sondern auch in den plastischen Werken . Denn diese sind zwar oft – der Physis von Bronze, Edelstahl und Co. folgend – nicht wenig schwerwiegend. Doch geht es dabei eben gerade um das Darstellen, wie Form das Lastende zu überwinden vermag, um den Kontrast zwischen materiellem Gewicht und formaler Leichtigkeit. Davon aber wird etwas ausführlicher im Text zu den Plastiken Karlsens die Rede sein; wir wollen uns hier der Frage des „Gegenstandes“ in seiner Malerei widmen.

Wer diese intensiven Bilder studiert, sie betrachtet und befragt, wird einiges finden, das an durchaus Gegenständliches erinnert: etwa immer wieder Anmutungen von Bergen, die über Ebenen aus Farbe schweben, Blumenartiges, Architekturen aus flockender Farbe, Versuchsanordnungen, wie Ausgangspunkte einer rituellen Praxis der Farbe ... oder dann etwa auch – ein Einzelfall – so etwas wie eine fein gewobene, perfekt zugespitzte „Dornenkrone“, unter der man, hat man sie erst gesehen, sogleich ein aus der Farbe getriebenes Antlitz eines Leidenden sehen mag, darunter eine Schulterlinie.

Aber all diese Elemente, sie verweisen nicht auf das Lebendgewicht dessen, auf das sie anspielen. Diese Berge schweben, aus Lasuren aufgebaut, wie Vogelflügel, wie Schleier, nach oben. Ferne, blinkende Waschtage des Erhabenen sind dies. Und was die Blumen angeht, so sind sie pattern, rhythmische Anagramme vegetativer Lichtsehnsucht, Anleihen im Musterbuch einer geträumten Natur. Die Architekturen? Errichtet aus der vibrierenden Luftsubstanz der Farbe.

Das „Gegenständliche“, es ist hier also alles, nur nicht Ausgangs- oder Endpunkt. Seine Funktion könnte hier etwa mit der Bedeutung verglichen werden, die eine Landschaft für die über sie ziehenden Wolken hat: Zwar beeinflusst sie mit ihren Erhöhungen und Formen den Gang und die Gestalt der Wolken – aber dennoch bestimmt nicht sie, was jene Wolken seien, durch die sie Regen erhält und blühen darf.

Vielmehr wird man die bildende Struktur, die Matrix der Bilder hier in einer zunächst mentalen, kaleidoskopischen Präsenz von Formen und Strukturen sehen. Es sind dies innere patterns, die der Künstler im Zuge seiner Arbeit auf der Bildfläche wahrnimmt und dort im Malakt zugleich umsetzt und realisiert. Diese Transformation hat etwas Hellseherisches, Zukunft von Form wird im Kunstwerk Gegenwart. Wie lautlose Klänge entfalten sich die Strukturen, vom taubstummen Mikrophon des Spachtels aufgezeichnet, respektvoll „gesehen“ in ihrer wolkenartigen Gewandung.

Wer formt hier? Nun, die Form arbeitet sich durch die Hand des Malers, der sie wahrnimmt, wie aus eigener Kraft ans Licht. Und dieses prozessuale Geschehen ist ein wichtiger Teile dieser Kunst selbst: Man wähnt, Formen, Kreise, Flächen, Schichten zu sehen, die sich vor unseren Augen verlagern, verdichten, konzentrisch kreisen, wie Luftblasen wandern. Wahrnehmung, Hand und Auge Karlsens errichten Bühnenbilder seelischer Uraufführungen, die dem Libretto folgen von Farbe und feinster Gestimmtheit des Malerherzens. Es sind, könnte man auch sagen, kristalline Meteorologien des Inneren, die sich uns hier erschliessen.

Und immer wieder Schichten. Bänderungen hinten, auf die vorne kalligraphische Verspitzungen der Form antworten. Vor Grundrissen wie von mythischen Burganlagen des Traums sehen wir verwischende Schleier, die auflösen, deuten, in fliessende Malerei verwandeln, was einst archetypische Form war.

Man spürt die besessene Begeisterung des Künstlers Uwe Karlsen für die Idee der Darstellung der absurden Vorstellung der Zeit, deren vergangene Schichten man durch die vorderen hindurch – nein, nicht unbedingt SEHEN kann (und schon gar nicht alle), aber eben malend „sichtbar machen“ kann, wie Paul Klee sagte, der Meister der Verbindung von „kristallin“ und „organisch“.

Wir sehen Kosmogonien in Öl. Weltenstehungen auf 60 x 60 cm, vor jeder NASA geschützt, allein den Hochleistungen des Visuellen folgend, den Augen, die uns das ihnen Gezeigte als das Einzige identifizieren, was am Ende Bestand hat: als das Imaginäre.

Gegenstände – so könnte man zusammenfassend sagen - hat diese Malerei also nicht – aber sehr wohl Themen. Themen, wie sie sich in jener merkwürdigen Verbindung aus geistig erfassten Strukturen und fliessfähiger Farbe ergeben, die wir „Malerei“ nennen. Denn wer als Künstler die Eigenschaften der Malerei selbst, der Farbe, studiert, studiert damit immer auch die Möglichkeit, neben der „wirklichen“ Welt eine wirklichere der Kunst zu formen – und umgekehrt.

Das Wichtigste aber, das mit solcher Kunst zu tun ist: Schauen. Immer wieder Betrachten. Zeuge werden der hier festgehaltenen Momente der Transformation von innerlich Geschautem in Form, von Wandel in Bildgestalt.

Dr. Philippe Büttner (Fondation Beyeler)